Einmal im Monat hielt Mark an der Abendschule in der Limmatcity einen Einführungsvortrag über Talentopia für Interessierte und Neuankömmlinge.
Endlich hatte Sue es auch geschafft, an einem dieser Abende teilzunehmen. Kurz vor 18 Uhr betrat sie den Seminarraum, wo Mark sie innig begrüsste, bevor er sich den anderen Teilnehmern zuwandte. Nach seiner Vorstellung begann Mark mit dem Vortrag:
«Liebe Gäste, ich beginne zuerst mit unserem Traum, danach folgt ein kurzer geschichtlicher Überblick und anschliessend erläutere ich, wo Talentopia heute steht.»
Mark blickte freudig in die Runde und begann:
«Stellt euch eine Welt vor, in der es nur Frieden gibt, denn kein Mensch will wirklich in den Krieg ziehen. Das wahre Paradies! Alle Menschen leben so, wie sie wollen und wo sie wollen. Jeder lebt seine Talente, macht was ihm Freude bereitet und leicht von der Hand geht.
Talentdatenbanken werden künftig von Menschen mit ausgeprägten Managementfähigkeiten geführt. Die Talente werden dann gezielt den Bedürfnissen der Gemeinschaften zugeordnet. So treffen Begabungen auf Aufgaben, die perfekt passen und mit Freude erfüllt werden. In unserer Vision arbeiten die Menschen nur noch wenige Stunden täglich – zusätzlich widmen sie der Allgemeinheit fünf Stunden pro Woche. Daraus entsteht ein Überfluss, das dem Geld seinen heutigen Stellenwert entzieht und es wieder zu einem neutralen Tauschmittel macht.»
«Dazu komme ich später noch», bemerkte Mark und fuhr fort:
«Die neu gewonnene Zeit nutzen wir für Familie, freie Bildung und spirituelles Wachstum. Jeder übernimmt zu hundert Prozent Selbstverantwortung. So gelangt jeder in seine Eigenverantwortung und wird selbstwirksam. Das bedeutet aber auch, dass wir für unsere aktuellen Lebensumstände selbst verantwortlich sind. Das sollte uns zunächst bewusst werden.»
Mark unterbrach seine Ausführungen, blickte eindringlich in die Runde. Einige nickten zustimmend, andere wichen seinem Blick etwas verlegen aus. Dann fuhr er fort:
«Wenn jeder das tut, was er liebt und gut kann, entsteht Überfluss – ganz wie in der Natur. In einer solchen Gemeinschaft erhält jeder, was er braucht, um sich zu verwirklichen: sei es, etwas Materielles zu erschaffen, Menschen zu helfen, die Natur zu pflegen oder sich künstlerisch auszudrücken. Viele Erwachsene besuchen Talentschulen, um ihre Begabungen zu entdecken. Es gibt zudem vielfältige Workshops und Kurse zu Selbstverantwortung, Selbstvertrauen, Selbstliebe sowie zur Lösung von Traumata. Diese werden von Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten oder Interessen geleitet – so unterstützen wir uns gegenseitig.
Kinder besuchen neue Schulen, in denen sie frei lernen und erleben können. Es gibt bereits viele vielversprechende Ansätze. Systematisches Auswendiglernen von verzerrter Geschichtsschreibung oder Theorien, die im Alltag kaum Nutzen bringen, entfällt. Stattdessen steht Praxis im Vordergrund: Fachleute unterrichten, und die Kinder sind oft bei Handwerkern, Forschern oder Landwirten zu Gast. Sie arbeiten mit und haben Erfolgserlebnisse. So entdecken sie, was ihnen Freude bereitet und leicht von der Hand geht. Ältere Jugendliche übernehmen innerhalb der Schulen Verantwortung, indem sie jüngeren Kindern helfen – ein wertvolles Training für ihr eigenes Verantwortungsbewusstsein. Auf höheren Stufen unterrichten weitere Fachleute wie Mathematiker, Chemiker, Techniker und Gesundheitsfachleute.
Burnout und Boreout gibt es in Talentopia nicht mehr. Arbeitsstress oder das demotivierte Absitzen in ungeliebten Jobs gehören der Vergangenheit an. Dadurch sinkt auch die Zahl der Krankheiten erheblich. Denn Krankheiten haben immer einen psychischen Hintergrund: Wenn jemand von seinem Weg abkommt, sich zu weit von seinem Herzensweg entfernt, sendet die Seele einen Korrekturvorschlag – oft in Form von Krankheit oder Unfall. Dieses Verständnis setzt natürlich maximale Eigenverantwortung voraus.
Die Krankenhäuser der alten Welt werden mithilfe heiliger Geometrie, Feng Shui und anderen Erkenntnissen in herrliche Gesundheitstempel verwandelt. Frequenzmedizin erlebt eine Renaissance, viele bisher unheilbare Krankheiten werden so geheilt. Die Menschen lernen zudem, Wasser wieder positiv und gesundheitsfördernd zu programmieren. Quantenheilungen werden zum Alltag gehören, während uraltes Pflanzenwissen wie ein verborgener Schatz neu entdeckt wird. Arzneien entstehen direkt in den Apotheken – aus reinen, pflanzlichen Stoffen, die die Natur uns schenkt. Naturärzte arbeiten ausschliesslich mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Seele in Einklang bringt. Pharmakonzerne, wie wir sie heute kennen, sind Vergangenheit. Altersheime, wie sie in unserem jetzigen System existieren, verschwinden. Stattdessen leben Jung und Alt in harmonischen Wohngemeinschaften zusammen, die sich gegenseitig stützen und bereichern. Pflegebedürftigkeit ist in Talentopia nahezu unbekannt, denn die gesunde Lebensweise lässt die Menschen langsam und vor allem gesund altern. So kann jeder seine Erfahrungen und sein Wissen einbringen, bis er sich entscheidet, seinen Körper abzulegen und in eine höhere Dimension zu wechseln.» Einzelne Zuhörer nicken anerkennend.
«Biohöfe, die sich auf Gemüse- und Obstproduktion spezialisiert haben, sorgen für gesunde, biologisch erzeugte Lebensmittel. All diese köstlichen Früchte und Gemüse wachsen regional – ein Bild, das an den Garten Eden erinnert: Überall blühende Gärten, fruchttragende Bäume und freilebende Tiere. Die Nutztierhaltung schrumpft fast vollständig, denn diese Produkte werden kaum noch nachgefragt. Die pflanzliche Ernährung wird ergänzt durch eine wachsende Heilpflanzenproduktion für die Apotheken. Wildkräuter, voller Geschmack und Kraft, kehren als natürliche Nahrungsergänzung zurück. Wohlduftende, rein biologische Körperpflegeprodukte entstehen – ein neuer Zweig der Landwirtschaft. Die Menschen kaufen ihre Lebensmittel direkt ab Hof oder in genossenschaftlich organisierten Lebensmittelläden. Biobäckereien, kleine Getreidemühlen, Obstsaftmanufakturen und das örtliche Handwerk erleben eine Renaissance. Das Leben wird einfacher, frei von Existenzängsten und voller Vertrauen.
Kulturelle Angebote, Kunst und lebensbejahende Unterhaltung erblühen, denn die Kreativität der Menschen findet Raum und Ausdruck. Kleinbühnen erstrahlen in neuem Glanz, Tanzveranstaltungen füllen die Plätze. Yoga, Tai Chi und Meditation in den Parks werden zur Selbstverständlichkeit. Freie Sportgruppen aller Art organisieren sich eigenständig. Fernsehprogramme gibt es nicht mehr; stattdessen erfüllen Radiostationen die Luft mit Musik auf Herzfrequenz.
Auf der neuen Erde verschwinden viele Geschäfte und Berufe, wie wir sie heute kennen. Grosskonzerne, Banken, Versicherungen und die meisten Ämter lösen sich auf. Politik, Börsen, Unternehmensberatungen, Convenience-Produkten, Kunststoffspielzeug, Massenmöbeln, schädlicher Kleidung und Waffen gehören der Vergangenheit an. Unnötige Gegenstände werden nicht mehr hergestellt. Neue, natürliche Werkstoffe werden entdeckt, während Kunststoffe nur noch sparsam eingesetzt werden. Recycling ist nicht mehr nur ein Geschäft, sondern gelebte Selbstverständlichkeit.»
Mark atmet kurz durch und fährt dann fort:

